Dr. Julia Jückstock über Kommunikationsstrukturen im Kreißsaal – Ein Beitrag aus ärztlicher Perspektive

Der Kreißsaal ist ein hochdynamisches Arbeitsumfeld, in dem medizinische, organisatorische und emotionale Faktoren ineinandergreifen. Ärztinnen und Ärzte müssen in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, die unmittelbar Auswirkungen auf zwei Patienten – Mutter und Kind – haben. In dieser Situation entscheidet die Qualität der Kommunikation über die Sicherheit, die Effizienz und letztlich über das Outcome. Professionelle Kommunikationsstrukturen stellen deshalb nicht nur ein „Soft Skill“-Thema dar, sondern sind eine grundlegende Voraussetzung für evidenzbasierte, sichere Geburtshilfe.

Dr. Julia Jückstock: Die Notwendigkeit professioneller Kommunikation im Kreißsaal

Kommunikation im Kreißsaal ist mehr als der Austausch von Informationen – sie ist ein sicherheitsrelevanter Faktor mit unmittelbaren Auswirkungen auf Mutter und Kind. Um die hohe Dynamik und die Vielschichtigkeit dieses Umfeldes zu bewältigen, bedarf es klarer, strukturierter und respektvoller Kommunikationsformen.

Patientinnensicherheit als oberste Priorität

Aus klinischer Sicht gehört die klare Kommunikation zu den zentralen Sicherheitsstrategien in der Geburtshilfe. In Notfällen wie beispielsweise einer Schulterdystokie oder einer Uterusatonie muss das gesamte Team präzise wissen, welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge notwendig sind. Evidenzbasierte Konzepte wie „Closed Loop Communication“ oder standardisierte Notfallalgorithmen reduzieren Verzögerungen und Fehlerquellen. Studien zeigen, dass Teams, die strukturierte Kommunikationsmodelle anwenden, signifikant seltener kritische Zwischenfälle verzeichnen (vgl. Haig et al. 2006). Für die Ärztin oder den Arzt bedeutet dies: weniger kognitive Belastung durch ständiges Kontrollieren, ob Anweisungen verstanden wurden, und mehr Sicherheit, dass das Team situationsgerecht handelt.

Patientinnenzentrierte Kommunikation stärkt Vertrauen

Aus ärztlicher Perspektive ist die Balance zwischen medizinischer Notwendigkeit und patientinnenzentrierter Aufklärung essenziell. Während einer Geburt kann es notwendig sein, rasch über einen Kaiserschnitt oder operative vaginal-assistierte Entbindungen zu entscheiden. Auch in diesen Situationen ist eine transparente Kommunikation entscheidend, um das Vertrauen der Schwangeren aufrechtzuerhalten. Eine klare Schilderung des Vorgehens, auch wenn sie in wenigen Sätzen erfolgen muss, kann Ängste reduzieren und das Gefühl von Autonomie erhalten. Langfristig wirkt sich dies positiv auf die Zufriedenheit und das psychische Erleben der Geburt aus.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor

Die Geburtshilfe ist eine klassische Schnittstellenmedizin. Hebammen begleiten den physiologischen Geburtsprozess, Ärzt:innen greifen ein, wenn pathologische Entwicklungen entstehen, Anästhesist:innen sichern im Bedarfsfall Analgesie und Anästhesie, während Pädiater:innen die neonatologische Versorgung übernehmen. Ohne präzise Kommunikation besteht das Risiko redundanter Maßnahmen, Verzögerungen oder auch widersprüchlicher Anweisungen an die Gebärende. Aus ärztlicher Sicht ist es daher zentral, Kommunikationshierarchien klar zu definieren und im Notfall eine eindeutige Führungsrolle zu übernehmen – ohne die Expertise anderer Berufsgruppen zu übergehen.

Gewaltfreie Kommunikation als Haltung

Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nicht, Anweisungen abzuschwächen, sondern respektvoll und bedürfnisorientiert zu formulieren. Gerade in Stresssituationen besteht die Gefahr, dass knappe, befehlende Sprache die Schwangere verunsichert oder als respektlos wahrgenommen wird. Studien belegen, dass negative Kommunikationserfahrungen während der Geburt langfristig traumatisierend wirken können (vgl. Reed et al. 2017). Ärzt:innen tragen hier eine besondere Verantwortung, da sie häufig die finalen Entscheidungen treffen und deren Kommunikation maßgeblich das Geburtserleben prägt.

Dr. Julia Jückstock: Der Aufbau professioneller Kommunikationsstrukturen im Kreißsaal

Damit Kommunikation nicht dem Zufall überlassen bleibt, ist ein systematischer Aufbau professioneller Strukturen erforderlich. Dies erfordert organisatorische Maßnahmen, technische Unterstützung und gezielte Trainings, die Kommunikation als festen Bestandteil der klinischen Qualitätssicherung etablieren.

Sensibilisierung als Ausgangspunkt

Ein zentrales Problem ist, dass Kommunikation oft als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Ärztinnen und Ärzte müssen – ähnlich wie in technischen Fertigkeiten – auch in ihrer Kommunikationskompetenz geschult und regelmäßig sensibilisiert werden. Dies schließt die Reflexion eigener Kommunikationsmuster und der Einflussfaktoren wie Hierarchie, Stress und Zeitdruck ein.

Team-Briefings und Debriefings als Standard

Aus ärztlicher Sicht sind Briefings und Debriefings mehr als organisatorische Tools – sie schaffen ein gemeinsames mentales Modell. Vor komplexen Kaiserschnitten können, ggf. im Rahmen des Team time out, etwa die geplante Schnittführung, Risikofaktoren (z. B. Placenta praevia) und Notfalloptionen im Team abgestimmt und sichergestellt werden, dass ggf. nötige Medikamente (z.B. Tokolytika) im OP-Saal zur Verfügung stehen. Nach schwierigen Verläufen dient ein Debriefing dazu, die Entscheidungen aller Team-Mitglieder kritisch zu reflektieren, Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren und psychische Belastungen im Team abzufangen.

Technische Unterstützung durch Dokumentations- und Kommunikationssysteme

Es zeigt sich, dass der Übergang zwischen Kreißsaal und OP oder Neonatologie oft eine Schwachstelle darstellt. Elektronische Systeme, die Vitalparameter, CTG-Daten und Laborparameter zentral zugänglich machen, reduzieren Informationsverluste.

Kontinuierliche Evaluation der Prozesse

Für Ärztinnen und Ärzte ist es essenziell, dass Kommunikationsprozesse regelmäßig überprüft werden, da sie direkt mit klinischen Outcomes verknüpft sind. Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen (M&M-Boards oder Perinatalkonferenzen) bieten hier eine wertvolle Plattform, um nicht nur medizinische, sondern auch kommunikative Schwachstellen zu diskutieren.

Schulungen für interkulturelle und patientinnenorientierte Kommunikation

Aus ärztlicher Sicht nimmt die Diversität der Patientinnen stetig zu. Sprachbarrieren oder unterschiedliche Vorstellungen von Geburtsmedizin können Missverständnisse fördern. Spezifische Schulungen helfen, Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die sowohl medizinisch korrekt als auch kulturell sensibel sind – etwa der Umgang mit Dolmetschdiensten oder der bewusste Einsatz von „Einfache-Sprache“-Elementen in komplexen Situationen.

Simulationstrainings und GfK-Seminare

Für Ärzt:innen bieten Simulationstrainings einen geschützten Raum, in dem nicht nur medizinisch-technische, sondern auch kommunikative Kompetenzen unter realitätsnahen Bedingungen trainiert werden können. Szenarien wie Schulterdystokie oder Notsectio werden häufig geübt, doch entscheidend ist die Integration der Kommunikation – etwa klare Rollenverteilung, Rückmeldeschleifen und simultane Information der Gebärenden. Ergänzend vermitteln Seminare zur Gewaltfreien Kommunikation praxisnahe Werkzeuge, um auch unter Stress empathisch und strukturiert zu bleiben.

Fazit

Aus ärztlicher Perspektive ist professionelle Kommunikation im Kreißsaal ein zentraler Faktor für Qualität und Sicherheit. Sie beeinflusst unmittelbar die Patientinnensicherheit, das geburtshilfliche Outcome und das psychische Erleben der Geburt. Strukturen wie standardisierte Briefings, Simulationstrainings und digitale Kommunikationssysteme ermöglichen es, Prozesse zu optimieren und Fehler zu vermeiden. Langfristig trägt die bewusste Integration von Gewaltfreier und patientinnenzentrierter Kommunikation dazu bei, nicht nur die medizinischen, sondern auch die menschlichen Aspekte der Geburtshilfe zu stärken.

Über Dr. Julia Jückstock

Privatdozentin Dr. med. Julia Jückstock ist eine erfahrene Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit fundierter klinischer, wissenschaftlicher und akademischer Qualifikation. Im Zentrum ihrer medizinischen Arbeit steht die Durchführung äußerer Wendungen zur Lagekorrektur des Fetus oder das Spektrum der Allgemeinen und Speziellen Geburtshilfe inklusive komplexer geburtshilflicher Situationen wie vaginale Geburten aus Beckenendlage oder bei Gemini. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Pränataldiagnostik sowie die Diagnostik und Therapie gynäkologischer und geburtshilflicher Infektionen, bei denen sie über besondere Expertise verfügt. Ihre klinische Tätigkeit wird ergänzt durch eine enge Verbindung zur medizinischen Lehre: Sie ist an zwei Hochschulen als Lehrbeauftragte tätig und engagiert sich aktiv in der Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses. Mit ihrer Kombination aus Praxisnähe, wissenschaftlicher Tiefe und interdisziplinärer Vernetzung steht Dr. Julia Jückstock für eine moderne und evidenzbasierte Frauenheilkunde.

Referenzierte Studien:

Haig KM, Sutton S, Whittington J. (2006). „SBAR: A shared mental model for improving communication between clinicians.“ Jt Comm J Qual Patient Saf, 32(3):167–175.

Reed R, Sharman R, Inglis C. (2017). „Women’s descriptions of childbirth trauma relating to care provider actions and interactions.“ BMC Pregnancy Childbirth, 17: 21.