Immobilienexperte Marcus Wellhöner über die steigende Nachfrage nach KI-Experten in der Immobilienbranche

Künstliche Intelligenz hält mit wachsender Geschwindigkeit Einzug in die Immobilienwirtschaft. Was lange als experimentelles Randthema galt, entwickelt sich zunehmend zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor – mit spürbaren Folgen für Geschäftsmodelle, Prozesse und den Arbeitsmarkt. Besonders gefragt sind derzeit Fachkräfte mit KI-Kompetenz, die den digitalen Wandel der Branche aktiv gestalten können. Welche Faktoren den digitalen Wandel der Immobilienbranche derzeit besonders stark prägen und welche strategischen Konsequenzen sich daraus für Anbieter ergeben, beleuchten wir im Gespräch mit Marcus Wellhöner. Der Immobilienexperte aus Mülheim an der Ruhr ist geschäftsführender Gesellschafter der Wellhöner Gruppe, unter deren Dach mehrere Gesellschaften das gesamte Spektrum immobilienbezogener Dienstleistungen abdecken. Mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Immobilien- und Interimsmanagement verfügt Marcus Wellhöner über fundierte Expertise in der Bewertung, Vermittlung und Verwaltung von Immobilien.

Herr Wellhöner, die Immobilienwirtschaft galt über viele Jahre hinweg als eher zurückhaltend, wenn es um Digitalisierung und neue Technologien ging. Nun scheint sich das Tempo spürbar zu erhöhen. Erleben wir gerade einen Wendepunkt?

Marcus Wellhöner: Was wir derzeit sehen, ist kein gradueller Fortschritt, sondern ein struktureller Umbruch. Die Immobilienbranche hat lange von stabilen Märkten, persönlichen Netzwerken und bewährten Prozessen gelebt. Doch steigende Komplexität, volatile Märkte, regulatorische Anforderungen und verändertes Kundenverhalten zwingen die Unternehmen zum Umdenken. Künstliche Intelligenz rückt auch in dieser Branche vom experimentellen Randthema ins Zentrum strategischer Entscheidungen. Ohne datenbasierte, intelligente Systeme wird Wettbewerbsfähigkeit künftig kaum noch möglich sein.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Arbeitsmarkt wider. Wie stark ist die Nachfrage nach KI-Fachkräften aktuell tatsächlich?

Marcus Wellhöner: Die Dynamik ist wirklich bemerkenswert! Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Stellenanzeigen mit explizitem Bezug zu KI-Kompetenzen um rund 277 Prozent gestiegen. Das ist für eine Branche, die lange als eher innovationsschwach galt, ein sehr deutliches Signal. Es zeigt, dass KI nicht mehr nur in Pilotprojekten oder Innovationsabteilungen verortet ist, sondern zunehmend in den operativen Kern der Unternehmen vordringt. Gesucht werden Data Scientists, Machine-Learning-Spezialisten, aber auch hybride Profile, die technisches Verständnis mit immobilienwirtschaftlicher Expertise verbinden.

Gibt es bestimmte Regionen, in denen sich diese Nachfrage besonders bündelt?

Marcus Wellhöner: Ja, die Suche nach KI-Experten konzentriert sich sehr klar auf Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bayern. Diese drei Bundesländer vereinen mehr als die Hälfte aller entsprechenden Stellenangebote. Zum einen sitzen dort große Bestandshalter, Projektentwickler, Investmenthäuser und Dienstleister. Zum anderen entstehen in diesen Regionen leistungsfähige PropTech-Ökosysteme, in denen Technologie, Kapital und Immobilien-Know-how zusammenkommen. Diese Ballungsräume fungieren gewissermaßen als Innovationslabore der Branche.

Wofür setzen Immobilienunternehmen KI heute konkret ein?

Marcus Wellhöner: Die Anwendungsfelder sind sehr vielfältig. In der Bewertung von Immobilien hilft KI, große Datenmengen zu analysieren und Marktpreise präziser einzuschätzen. Im Asset- und Property-Management werden Instandhaltungsbedarfe prognostiziert, Energieverbräuche optimiert oder Leerstandsrisiken frühzeitig erkannt. Hinzu kommen Anwendungen im Transaktionsmanagement, in der Standortanalyse oder in der automatisierten Dokumentenprüfung. Besonders spannend ist aber der Einsatz von KI in Marketing, Vertrieb und Kundenkommunikation – hier verändert sich derzeit sehr grundlegend, wie Nachfrage entsteht.

Viele Unternehmen haben KI-Anwendungen eingeführt oder planen dies. Gleichzeitig hört man, dass die gesetzten Ziele oft noch nicht vollständig erreicht werden. Woran liegt das?

Marcus Wellhöner: KI ist kein Selbstläufer. Die Technologie ist nur so gut wie die Daten, die ihr zur Verfügung stehen, und die Prozesse, in die sie eingebettet ist. Viele Immobilienunternehmen stellen erst jetzt fest, dass ihre Daten historisch gewachsen, fragmentiert oder qualitativ unzureichend sind. Hinzu kommt, dass KI-Implementierung organisatorische Veränderungen erfordert, also neue Rollen, neue Entscheidungslogiken, neue Kompetenzen. Aktuell fehlt es an Fachkräften, die diese Transformation fachlich und strategisch begleiten können.

Ein besonders sichtbarer Wandel vollzieht sich derzeit in der Kundengewinnung von Immobilienmaklern. Was beobachten Sie hier?

Marcus Wellhöner: Das Such- und Entscheidungsverhalten von Eigentümern und Interessenten verändert sich rasant. Immer häufiger wird nicht mehr über klassische Suchmaschinen recherchiert, sondern direkt über KI-Assistenzsysteme gefragt: „Welcher Makler in meiner Nähe hat Erfahrung mit Eigentumswohnungen?“ oder „Wer kennt sich mit dem Verkauf geerbter Immobilien aus?“ Die Empfehlung entsteht damit zunehmend in einer formulierten Antwort – nicht mehr in einer langen Liste von Treffern. Für Makler ist das ein Paradigmenwechsel.

Welche Kompetenzen werden aus Ihrer Sicht künftig besonders gefragt sein?

Marcus Wellhöner: Neben klassischem KI- und Datenwissen werden vor allem Schnittstellenkompetenzen entscheidend sein. Menschen, die Technologie verstehen, aber auch die Logik der Immobilienmärkte, die Sprache der Kunden und die Anforderungen der Praxis. Hinzu kommen strategische Fähigkeiten: Wie integriere ich KI sinnvoll in Geschäftsmodelle? Wie nutze ich sie, ohne Vertrauen zu verlieren? Diese Profile sind rar und entsprechend gefragt.

Ist die steigende Nachfrage nach KI-Experten aus Ihrer Sicht ein kurzfristiger Trend oder ein langfristiger Strukturwandel?

Marcus Wellhöner: Ganz klar Letzteres. Die Immobilienbranche steht am Anfang einer Entwicklung, die sich über Jahre fortsetzen wird. KI wird vom Werkzeug zur Infrastruktur. Unternehmen, die jetzt investieren – in Technologie, Daten und Menschen –, schaffen sich nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Das Thema KI wird uns als Gesellschaft wohl nicht mehr loslassen und die Immobilienbrache würde einen Fehler machen, wenn sie sich vor ihr verschließen würde. Es war noch nie falsch, mit der Zeit zu gehen, vor allem dann nicht, wenn so viel Potenzial geboten wird.

Herr Wellhöner, vielen Dank für den Austausch.


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