Warum die Wirtschaft am Bodensee überraschend robust bleibt

Kriege, Handelskonflikte, volatile Energiepreise und eine schwächelnde Konjunktur prägen seit Monaten die wirtschaftliche Debatte in Deutschland. Umso bemerkenswerter wirkte die Stimmung beim Frühjahrsempfang der Industrie- und Handelskammern Ulm sowie Bodensee-Oberschwaben in Weingarten. Statt Krisenrhetorik dominierten dort Zuversicht, Investitionsbereitschaft und strategischer Optimismus.

Vor rund 500 Gästen aus Wirtschaft, Politik und öffentlichem Leben stand insbesondere ein Unternehmen exemplarisch für diesen Kurs: Rolls-Royce Power Systems mit Sitz in Friedrichshafen. Vorstandsvorsitzender Dr. Jörg Stratmann zeichnete in seinem Impulsvortrag das Bild eines Konzerns, der trotz geopolitischer Spannungen weiter wächst und seine Position in zentralen Zukunftsmärkten ausbaut.

Rolls-Royce Power Systems setzt Wachstumskurs fort

Der Hersteller von Energie- und Antriebssystemen profitierte 2025 vor allem von der stark steigenden Nachfrage nach Lösungen für Rechenzentren sowie vom boomenden Verteidigungsgeschäft. Der bereinigte Umsatz stieg auf 5,72 Milliarden Euro, der Auftragseingang legte auf 7,14 Milliarden Euro zu. Für Jörg Stratmann ist das Ergebnis kein kurzfristiger Effekt, sondern Ausdruck einer langfristig angelegten Strategie.

„Die Zahlen belegen die Wirksamkeit der klaren Strategie, der gezielten Investitionen und des konsequenten Ausbaus industriellen Kapazitäten – weltweit und in Deutschland“, sagte Jörg Stratmann in Weingarten. Besonders deutlich werde das an der Entwicklung der vergangenen Jahre. „Unsere Strategie greift und das belegen unsere Ergebnisse. In den vergangenen drei Jahren haben wir den Umsatz um 50 % gesteigert, die Umsatzrendite mehr als verdoppelt und den Gewinn verdreifacht.“

Der Konzern setzt dabei konsequent auf zwei Geschäftsfelder mit hoher globaler Nachfrage: Systeme für militärische Anwendungen zu Wasser, zu Land und in der Luft sowie Energieversorgungslösungen für digitale Infrastruktur. Gerade Letzteres gewinnt rasant an Bedeutung. Rechenzentren benötigen immer größere Mengen zuverlässiger Stromversorgung. Jörg Stratmann formulierte die Rolle seines Unternehmens dabei bewusst plakativ: „Jeder 3. Klick auf der Welt wird mittlerweile von uns abgesichert.“

Arbeitsmarkt widerspricht der allgemeinen Krisenstimmung

Dass sich die regionale Wirtschaft insgesamt widerstandsfähiger zeigt als vielfach erwartet, bestätigen auch aktuelle Zahlen der Agentur für Arbeit. Trotz der angespannten weltwirtschaftlichen Lage bleibt der Arbeitsmarkt in Bodensee-Oberschwaben vergleichsweise stabil. Die Arbeitslosenquote lag im April im Bezirk Konstanz-Ravensburg bei 3,8 Prozent. Im Bodenseekreis betrug sie 3,6 Prozent, im Landkreis Ravensburg sogar nur 3,3 Prozent. Damit liegt die Region deutlich unter dem Landesdurchschnitt von Baden-Württemberg.

Anke Traber, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, sieht derzeit keine flächendeckende Zurückhaltung bei Unternehmen. „Wir nehmen eine große Einstellbereitschaft bei den Arbeitgebern wahr“, sagte sie. Zwar beobachte man durchaus Unsicherheit angesichts internationaler Konflikte und wirtschaftspolitischer Risiken. In den Einstellungszahlen spiegele sich diese Vorsicht bislang jedoch kaum wider.

Auch die Kurzarbeit spielt aktuell nur eine untergeordnete Rolle. Während sie während der Corona-Pandemie in vielen Unternehmen Alltag war, wurden im April lediglich rund 3200 Personen im gesamten Bezirk in Kurzarbeit geführt. Die Zahl der betroffenen Betriebe blieb ebenfalls überschaubar.

Starke Wirtschaftsstruktur stabilisiert die Region

Traber führt die Stabilität vor allem auf die Wirtschaftsstruktur der Region zurück. Familiengeführte Unternehmen, ein starker Mittelstand, zahlreiche Handwerksbetriebe und eine breite Branchenvielfalt sorgten für eine hohe Anpassungsfähigkeit. Hinzu komme die starke industrielle Basis rund um den Bodensee.

Davon profitieren auch Beschäftigte aus Unternehmen im Umbruch. Arbeitnehmer, die etwa vom Stellenabbau bei ZF Friedrichshafen betroffen sind, finden zunehmend neue Perspektiven in wachsenden Branchen. Dazu zählen insbesondere Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie oder dem Energiesektor wie Rolls-Royce Power Systems.

Parallel expandieren andere große Arbeitgeber der Region ebenfalls weiter. Der Pharmadienstleister Vetter aus Ravensburg plant trotz internationaler Unsicherheiten umfangreiche Investitionen. Das Unternehmen erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 1,3 Milliarden Euro und rechnet weiterhin mit einem Wachstum von rund zehn Prozent pro Jahr.

Vetter investiert langfristig trotz globaler Unsicherheiten

Geschäftsführer Titus Ottinger betont dabei die langfristige Perspektive des Unternehmens. Investitionsentscheidungen orientierten sich nicht an kurzfristigen politischen Entwicklungen. „Wir bauen wegen einer Person keine Lieferkette um. Wir planen langfristig über die Legislaturperiode eines Präsidenten hinaus“, sagte Ottinger mit Blick auf die Handelspolitik der USA.

Allein in diesem Jahr will Vetter 300 neue Stellen schaffen. Gleichzeitig investiert das Unternehmen hohe dreistellige Millionenbeträge in neue Anlagen, die teilweise erst Ende des Jahrzehnts in Betrieb gehen sollen. Der Fachkräftemangel bleibt dabei allerdings eine zentrale Herausforderung.

Wie angespannt die Situation auf dem Ausbildungsmarkt inzwischen ist, zeigen die Zahlen der Agentur für Arbeit deutlich. Von rund 3700 angebotenen Ausbildungsstellen im Bezirk ist bislang nur etwa die Hälfte besetzt. Der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter verschärft sich zusätzlich durch den demografischen Wandel.

Fachkräftemangel bleibt größte Herausforderung

Unternehmen reagieren deshalb zunehmend mit eigenen Qualifizierungsprogrammen. Vetter hat dafür ein eigenes Ausbildungszentrum in Ravensburg aufgebaut, in dem internationale Fachkräfte Sprachunterricht erhalten und auf die Arbeit im Unternehmen vorbereitet werden. Laut Personalchef Tobias Bürger liegt die Erfolgsquote der Teilnehmer bei rund 80 Prozent.

Der Frühjahrsempfang in Weingarten machte damit vor allem eines deutlich: Viele Unternehmen der Region setzen trotz schwieriger Rahmenbedingungen weiterhin auf Wachstum, Investitionen und neue Märkte. Die geopolitischen Risiken bleiben erheblich. Doch die wirtschaftliche Realität am Bodensee zeigt derzeit ein differenzierteres Bild als die allgemeine Krisendebatte. Besonders Unternehmen wie Rolls-Royce Power Systems demonstrieren, wie strategische Positionierung und langfristige Investitionen auch in unsicheren Zeiten Wachstum ermöglichen können.